08.05. – 10.09.2026
Abstraktion & Figuration sowie die Verwendung verschiedenster Malgründe und anderer Arbeitsmittel – die Ausstellungsreihe SICHTWEISEN geht weiter
Meine sehr geehrten Damen & Herren, liebe Künstlerinnen und Künstler, geschätzte Kunstfreunde,
ich darf Sie recht herzlich begrüßen zur Eröffnung der Gemeinschaftsausstellung der Sammlung & Galerie Böhner unter dem Titel SICHTWEISEN 2 hier im wunderschönen KOROS Haus der Stadt Mannheim. Dieses Gebäude ist ein herausragendes Geschäftshaus und deshalb kernsaniert worden und unter Denkmalschutz gestellt. Entworfen hat es der berühmte Architekt Helmut Striffler, der auch das Gebäude des Landgerichtes in Mannheim entworfen hat, den Cubus gegenüber dem Schloß. Das Koros Haus wurde 1977 fertigstellt und nach 2018 revitalisiert. Im Sommer 2025 sind wir – die Galerie Böhner – mit der Firma Bechtle IT Systemhaus von der Mallau hier in die Gottlieb-Daimler-Strasse 2 umgezogen, um unsere mehr als zwanzig Jahre andauernde gute Zusammenarbeit fortzusetzen. Die Galerie Böhner hat seit 2000 in unterschiedlichen Konzepten und Konstellationen mit der heimischen Wirtschaft zusammen gearbeitet, ob das nun REGUS war, PROF. HOMBURG & PARTNER, J&M oder auch ERNST & YOUNG, immer war das Konzept, wie der Oberbürgermeister der Stadt Mannheim Christian Specht und der Kulturbürgermeister Thorsten Riehle anläßlich unseres 30jährigen Bestehens im letzten Jahr treffend festgestellt haben, immer war es unser Ansinnen 3 wichtige gesellschaftliche Gruppen mit Kunst in Berührung zu bringen: die traditionellen kunstinteressierten Bürgerinnen und Bürger, die grundsätzlich von Ausstellung zu Ausstellung unterwegs sind, die Manager der Betriebe, aber auch die Arbeitnehmer*innen, die einen Großteil ihres Lebens im Arbeitsbereich verbringen und last but not least die Künstlerinnen und Künstler untereinander in einen Dialog zu bringen. Das ist uns über die Jahre gut gelungen – auch Dank der Unterstützung der Bechtle AG – und in dieser Konstellation haben wir – so darf ich sagen – wohl einen Meilenstein gesetzt – oder anders formuliert: Unser Motto lautete schon immer: Die Kunst muss sich dahin bewegen, wo sich das Leben abspielt und nicht umgekehrt, so dass wir nach diesem kleinen Exkurs wieder bei der Kunst angekommen sind.
Meine Damen & Herren, ich stelle Ihnen heute in dieser Ausstellung zwölf Künstlerinnen und Künstler vor, die sich hier mit ihren Werken präsentieren und in einen Dialog treten: sowohl mit Ihnen, liebes Publikum, als auch untereinander. Beginnen möchte ich mit der Künstlerin Brigitte Bieg. Brigitte Bieg wurde 1941 in Osterode im Harz geboren und lebt heute als bildende Künstlerin in Rendsburg. Die Künstlerin entdeckte schon sehr früh ihre Liebe zur Kunst – insbesondere zur Malerei. Sie begann mit dem Aquarell und wechselte später zur Acrylmalerei, die weit mehr Möglichkeiten des Ausdrucks bot sowie zu informellen und experimentellen Stilen. Hier in dieser Ausstellung gibt es von Brigitte Bieg sowohl abstrakte als auch an der Natur orientierte Sujets mit besonderer Leuchtkraft zu sehen.
Anna Fennen wurde 1950 geboren und ist eine ostfriesische Künstlerin, die in Rhauderfehn an der Nordseeküste lebt und arbeitet. Auch sie ist der Abstraktion zugetan beziehungsweise abstrahierenden Motiven mit Bezug zur Natur wie Landschaften oder Pflanzen. Ihre Titel lauten schlicht „Summer“ oder „Flowers“. Da gibt es somit kein Rätselraten. Für ihre Gemälde, oft großformatig und in Mischtechniken umgesetzt, ist das Licht von besonderer Bedeutung. Dieses bewirkt ordentliche Farbkontraste. Auch ihr Stil ist expressionistisch und energiegeladen. Von der Textur der Malerei geht eine gewisse Haptik aus, die uns Betrachter in ihren Bann zieht und uns eine kohärente visuelle Erfahrung ermöglicht.
Eine weitere Künstlerin mit ähnlichem Ausdruck und ähnlicher Thematik ist Kerstin Grobler. Kerstin Grobler ist eine zeitgenössische Malerin, deren Focus auf dem Expressiven liegt und die gerne zu lebendigen, leuchtenden Farben greift. Sie lebt und arbeitet heute in Düsseldorf. Die Werke der Künstlerin – ob groß- oder kleinformatiger Natur – greifen immer wieder in irgendeiner Art und Weise das Thema Natur auf oder aber um genauer zu formulieren: die Landschaft. Dabei läßt Kerstin Grobler uns Betrachter so viel Spielraum, dass wir auch Anderes darin sehen können wie beispielsweise reine Abstraktion. Es ist in ihren Arbeiten in der Regel der Pinselduktus, der den Ausschlag gibt. Ab und an (und ohne einen Titel zu kennen) glaubt man ein abstraktes Gemälde vor sich zu haben ohne irgendetwas Konkretes darin zu sehen, und schon einen Pinselschwung weiter: und es deutet sich etwas Naturhaftes an wie eine Landschaft. Genau diese Details machen den Zauber des Werkes von Kerstin Grobler aus. Die optimistische und lebensbejahende Farbpalette trägt ein Übriges dazu bei.
Kommen wir nun auf Angela Haas zu sprechen. Die Fotografin lebt und arbeitet in Obersulm bei Heilbronn und bedient sich in ihrem Tun einer surreal inspirierten Bildsprache, wie man hier in der Ausstellung der Sammlung & Galerie Böhner in ihrer Fotoserie sehen kann. Wenn wir uns diesem Zyklus nähern, erkennen wir, dass sich ihre Arbeiten zwischen Realität und Traum bewegen und eröffnen dem geneigten Betrachter neue überraschende Perspektiven auf das Vertraute, wie es in einem Text von Angela Haas so treffend formuliert wurde. Die Fotografin verfremdet das Alltägliche und dadurch entstehen neue Bilderwelten, „die den Blick über das Sichtbare hinaus lenken. Das Surreale wird dabei zum Mittel, um innere Bilder und Stimmungen sichtbar zu machen.“ Die Liebe zum Detail ist auch etwas, was sie antreibt, aber nicht in einem verspielten Sinne, sondern um den Fotos Tiefe zu verleihen und einen eigenen Charakter. Wichtig zu erwähnen ist letztlich noch, dass die Künstlerin gern in Serien arbeitet. Ein Thema wird so gewissermaßen konsequent und professionell abgearbeitet und kann nach Zeiträumen auch wieder aufgenommen werden.
Ein Künstler, der zweifelsohne figurativ arbeitet, ist Stephane Manou, der 1975 in Frankreich geboren wurde und heute als bildender Künstler im Hunsrück lebt und arbeitet. Manou setzt sich in seinem Werk intensiv mit dem Menschen auseinander, mit dem Menschen in all seinen Facetten und in verschiedensten Zusammenhängen, wobei gelegentlich auch hier die Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion zu verschwimmen scheinen. Im Focus stehen eindringliche Porträts und menschliche Figuren; hier in der Ausstellung haben wir eine Serie ausgestellt, die Geschichten erzählt; es sind nicht bloß Personen beziehungsweise Figuren gemalt, das wäre zu einfach, nein, es sind die Geschichten, die Traumwelten, die um diese ranken, die hier zum Besten gegeben werden. Dadurch ist ein Porträt nicht einfach nur ein Porträt, sondern ein poetisches Gemälde, von dem eine ganz besondere Aura ausgeht, es wird eine besondere Stimmung kreiert, die den Betrachter ganz für sich einnimmt. Das ist auch die Philosophie, die hinter dem Werk von Manou steckt.
Linde Ross ist eine in Düsseldorf lebende und arbeitende Künstlerin, deren Werk primär der bildenden Kunst und dem Konstruktivismus zuzuordnen ist. Sie setzt sich in ihren Arbeiten intensiv mit geometrischen Phänomen auseinander – aber ab und zu auch mit der Figuration, die dann in Zyklen daher kommt. Wie hier in der Ausstellung mit der kleinen Serie „Kuhgesichter/Stiergesichter“, die sie über Jahre immer mal wieder mit Unterbrechungen weitergeführt hat in verschiedensten Techniken und Ausführungen. In der Serie „Kuhgesichter/Stiergesichter“ stellt sie Porträts von Rindern her, die sie als Individuen darstellt und die eine Brücke schlagen zwischen Natur und Kunst. Wir neigen dazu, insbesondere Nutzvieh zu entindividualisieren, um es einfach sorgloser schlachten zu können, das kritisiert die Künstlerin; wer sich mit dieser Thematik in einem abstrahierenden Zusammenhang näher beschäftigt, der erkennt, dass unser allgemeiner Ansatz falsch ist, und auch diese „ewiggleichen“ Lebewesen von ganz individueller Natur sind. Das sich zu vergegenwärtigen, ist ein ganz interessanter Ansatz, der auch auf andere gesellschaftspolitische Bereiche Anwendung finden kann und aktueller denn je scheint.
Marlis G Schill ist eine bekannte Künstlerin, die in Stuttgart lebt und arbeitet. Ihr Werk ist vielfältig und reicht von der Malerei über Druckgrafik (wie dem Holzschnitt und der Radierung) bis hin zur Fotografie. Sie kombiniert auch immer mal wieder einzelne Techniken und setzt diese in einen neuen Zusammenhang. Daraus entstehen dann neue Werke, Unikate oft auch in thematischen Zyklen. Einen kleinen Zyklus von Marlis G Schill haben wir hier in der Galerie präsentiert, dem die Künstlerin folgende Überschrift verleiht: „Die Fragmentierung der Wirklichkeit“. Was ist damit gemeint: Marlis G Schill lässt uns an ihrer Gedankenwelt teilhaben, wenn sie formuliert: „Trotz Fragmentierung das große Ganze im Blick behalten. Unser Alltag ist ohne Zerlegung in kleine Teile nicht mehr zu bewältigen. Zu vielfältig sind die neuen Informationen, die tagtäglich auf uns herein prasseln. Den Überblick zu behalten und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, wird zur Herausforderung. Und dabei trotz allem noch ein bißchen Freude im Alltag zu bewahren, ist nicht immer einfach.“ Mit ihren Arbeiten, die Sie hier sehen können, meine Damen & Herren, versucht die Künstlerin beidem Rechnung zu tragen. Zum einen wird die Fragmentierung offenkundig, zum anderen veranlassen farbenfrohe, mitunter auch ironische Bildinhalte uns Betrachter zum Schmunzeln.
Elena Timtschenko ist eine deutsch-russische Künstlerin und Kunstpädagogin, die für ihre detaillierten Zeichnungen und atmosphärischen Malereien bekannt ist. Wir arbeiten mit ihr schon seit Jahren erfolgreich zusammen und sind immer wieder berührt von ihrem Werk. Ihr künstlerisches Schaffen konzentriert sich dabei auf die präzise Wahrnehmung der Umwelt und die Darstellung von Strukturen aus der Umwelt und Technik. Besonders charakteristisch für ihr Werk ist der Einsatz von Kugelschreibern in den groß- und kleinformatigen Kugelschreiberzeichnungen, die von absoluter Qualität zeugen und vom handwerklichen Können, wie wir das von der unverwechselbaren osteuropäischen Kunstausbildung her kennen. Hier legte man noch großen Wert auf das Beherrschen des Handwerkes im Detail. Darüber hinaus beschäftigt sich Elena Timtschenko auch mit der traditionellen Zeichnung; mit der kolorierten Zeichnung und dem Aquarell; davon zeugen hier in der Ausstellung die Pflanzenzeichnungen sowie der Widderkopf. Auch hier geht es nicht einfach um die Wiedergabe eines realistischen Motives, sondern um die Vermittlung einer poetischen Aura durch die ästhetische Umsetzung des Motives.
Gerda Zuleger nimmt über ihre Kunst die Realität wahr. Dabei bedient sie sich der Fotografie, die durch eine spezifische Transformationstechnik auf den Malgrund –
vorzugsweise eine Metallplatte – übertragen wird. Dadurch werden quasi Realitäten – Wahrnehmungen übereinandergelegt, wodurch eine Art Verschmelzung entsteht. Mit Acrylfarben wird das Bild nun weiter verarbeitet. Dadurch werden einzelne Versatzstücke miteinander verknüpft und durch Übermalungen vervollständigt. Damit wird Realität/Wahrnehmung erweitert und auf eine neue Ebene der Information gebracht. Erst das Zusammenspiel der verschiedenen ästhetischen Ebenen läßt eine Annährung an die Realität zu – oder nennen wir es Wahrheit. Ein interessanter Ansatz mit dem großen Ziel des Versuches der Annährung an die Wahrheit. Besonders hervorzuheben sind auch die Motive in diesem Zusammenhang: Das Ruhrgebiet, seine Geschichte und Transformation. Auch von Berlin ist hier die Rede. Ein unerschöpfliches Thema mit entsprechend vielfältigen Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks.
Kommen wir nun zu den drei Bildhauer*innen zu sprechen, als da wären: Gerdi Gutperle (die Grande Dame der bildenden Kunst aus der Region und natürlich weit darüber hinaus), die hier mit Assemblagen, Keramik sowie Bronzen und Papierobjekten (Maulbeerbaum) vertreten ist. Unten im Foyer haben wir zwei Glasvitrinen mit bemalten Tellern präsentiert. Derartige Keramik gibt es schon seit tausenden von Jahren wie uns die Kunstgeschichte lehrt; kein geringerer als Pablo Picasso hat diese Tradition immer mal wieder gerne aufgenommen; und dabei den Teller für sich als Malgrund entdeckt; ein dreidimensionaler Malgrund mit einer entsprechenden Haptik; Gerdi Gutperle wiederum knüpft mit ihrer Arbeit an diese Tradition an mit ureigenem Ausdruck, mit eigener Motivik. Darüber hinaus gibt es dort Assemblagen zu sehen: im Prinzip auch Malgründe aus Blech und/oder Stahl, die die Bilderwelt der Künstlerin auf ganz individuelle Art und Weise transportieren, und den experimentellen Charakter der Bilderwelt der Gerdi Gutperle augenfällig machen. Darüber hinaus gibt im 3. Stockwerk der Galerie weitere Keramiken zu sehen: nämlich die Lebenssäulen als auch die Weltkugeln der Künstlerin, die von einem offenen und stets wachen Blick auf Welt und Geschehen zeugen. Es gäbe hier an dieser Stelle sowie auch bei den anderen Künstlerinnen und Künstler noch vieles zu sagen; aber das würde den Rahmen sprengen und sicher bleibt Ihnen, liebes Publikum, heute abend noch Zeit, um mit den Künstlerinn*innen ein persönliches Wort zu führen.
Zum Schluß noch auf ein Wort zu den beiden Holzbildhauern aus verschiedenen Kulturkreisen: nämlich Philipp Wagenmann aus Mannheim sowie dem gebürtigen Peruaner Francisco Aquilar Oswald, der schon lange in Deutschland lebt und arbeitet. Beide bearbeiten zwar den Werkstoff Holz, aber ein jeder der beiden auf seine Art und Weise mit eigener Handschrift. Während Wagenman sich primär Fundstücken aus der Natur bedient und sie lediglich leicht in die vorgesehene Form bringt, um den Ursprungscharakter der Fundstücke nicht allzu sehr zu verfremden, hat sich Francisco Aquilar Oswald der Holzschnitzerei seiner Heimat verschrieben, um diese Tradition weiterzuführen und uns bekannt zu machen. Seine Kunst arbeitet mit indigenen Symbolen, die traditionelle Motive aufgreifen und die reiche Kulturgeschichte des Landes widerspiegeln. Die Arbeiten sind unten in der großen Kunsthalle zu finden und bestechen durch ihre einzigartige Farbigkeit, die im wahrsten Sinne des Wortes sofort die Laune des Betrachters anheben beim Anblick dieser herrlichen Stelen. Zu erwähnen bleibt mir noch, das Philipp Wagenmann hier auch mit Tonarbeiten und Bronzen vertreten ist als auch mit abstrakten Formen aus Alabaster.
Im Übrigen können Sie in der Ausstellung auch immer mal wieder zwischendurch großformatige Gemälde und Skulpturen aus verschieden Materialien aus der Sammlung Böhner entdecken. Ihnen allen hier heute Abend noch einen schönen Abend und herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
Text: Dr. Claus-Peter Böhner-Fery
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