Bechtle 2017

SAMMLUNG & GALERIE BÖHNER
GEMEINSCHAFTSAUSSTELLUNG

03.11.2017 – 10.03.2018

Besselstraße 20-22
D-68219 Mannheim
Mobil:
+49 (0) 177 400 6 222
Öffnungszeiten:
Montag-Freitag: 9-17 Uhr
sowie nach Vereinbarung

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Laudatio öffnen

Meine sehr geehrten Damen & Herren,

wenn man nach Oberbegriffen sucht, um diese offenkundige Vielheit, die eine Ausstellung in der Sammlung & Galerie Böhner in der Mallau immer bietet, zu ordnen, stößt man meist auf mehrere Schwerpunkte. So ist es auch hier. Zum einen prallen hier unterschiedliche Richtungen der Malerei aufeinander, zum anderen sind es Skulpturen. In der Kunst Gegenwart ist vieles möglich, vielleicht sogar alles. Außerdem gibt es noch Gattungen, die wie die Wandobjekte von Hans Dieter Zingraff unterschiedliche Medien integrieren und so die dritte mit der vierten Dimension verbinden. Ein spannender Spaziergang zeitgenössisches Kunstschaffen wartet auf uns, wozu ich Ihnen hier so eine Art vorläufigen Routenplan entwerfen möchte.

Beginnen wir auf unserer Route also hier, unmittelbar vor uns, mit den Werken von Bernhard Hossner. Seine Arbeiten haben Wucht. Sie sind nicht erzählerisch, sondern wirken durch ihre bloße Präsenz. Mit einer wahren Leidenschaft und Akribie bearbeitet er das Holz und führt es, wie bei seinem „Twister“ an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Im Grund genommen gibt es innerhalb Hossners Gesamtwerk, so auch bei der Auswahl, die er hier getroffen hat, zwei Grundrichtungen. Bei dem erwähnten „Twister“ und dem „Hot Wheel“ geht es um dynamische Körper, die routieren. Bei einer Reihe anderer Skulpturen geht es um die Statik, um Außenhaut, Lichtdurchlässigkeit, aber auch um die Aufsockelung, wodurch gelegentlich bizarre polymorphe Gebilde entstehen. Ein weiterer Aspekt, mit dem Hossner hier offenbar spielt: Wirkt die Figur einheitlich, wie bei dem grün lackierten Körper oben, oder wirkt sie bewusst unabgeschlossen, wie eine Ruine manchmal sogar. Von besonderer Bedeutung ist für ihn auch die Behandlung der Oberfläche: Wie bei „Hot Wheel“ hier mehrschichtig lackiert, was die Dynamik betont, oder schwarz, dunkel, wie verbranntes Holz.

Ganz anders wirken dagegen die Arbeiten von Ralf Schira. Mit diesen schließt der Künstler an die amerikanische Pop-Art an. Claes Oldenburg mit seinen Abformungen von realen Gegenständen könnte hier ein Vorbild sein, denn ähnlich wie er verleiht Schira so den Formen der Alltagswelt eine künstlerische Existenzberechtigung. Die industrielle Welt mit ihrer Massenproduktion erschafft eine bestimmte Ästhetik. Dies für die Kunst produktiv zu machen, ist das Verdienst der Pop Art und in den Werken von Schira erleben wir eine weitere Variante dieser Richtung, wobei es nicht um die konkret erkennbare Form geht, sondern eher um das Erahnen möglicher Formen und, so in der Arbeit im ersten Stockwerk, die mit „American Idols“ betitelt ist, um das Serielle, das der Industrieproduktion innewohnt, um die Ästhetik der Massenproduktion.

Hans Dieter Zingraffs Wandobjekte stellen eine Art Mittelglied zwischen der zweiten und der dritten Dimension dar. Aus der Ferne wirken sie wie Raumkörper, die frei schweben. Futuristische Architektur. Geht man näher an sie heran, geht dieser „Trompe l´oeuil“ Effekt verloren, entsteht aber auf andere Weise wieder, weil uns der Künstler hier durch eine Art Fenster einen Einblick in das Innere gibt. Zingraff entfaltet hier ein raffiniertes Spiel mit den Möglichkeiten, ein Objekt wahrzunehmen.

Die großen Bilder, die Sie hier im Eingangsbereich sehen, stammen von Simon Schluff. Ihm geht es um Farbräume. Der Betrachter sollte sich Zeit nehmen und diese Farbräume auf sich wirken lassen. Dabei wird er vielleicht einen ähnlichen Effekt wie bei den Wandobjekten von Zingraff erleben. Es gibt Schichten, die eindeutig aus dem Bild herausdrängen und andere, die den Blick des Betrachters in das Bild hineinziehen. Schluffs Arbeiten sind sehr vielschichtig aufgebaut; im Wesentlichen bestehen sie aus Acrylfarbe, die lasierend aufgetragen ist. Er durchmischt diese Lasuren mit Krakelierlack, sodass schruntige, brüchige Oberflächen entstehen. Dies bewirkt, dass das einfallende Licht die Bildwirkung verändert. Schluffs Malerei ist also nicht statisch, sondern verwandelt sich ständig. Man könnte hier sagen, dass in Bildern dieser Art die Kunst selbst zum Gegenstand wird. Das Agens ist die Farbe, die Art des Farbauftrags, die Form, der Fluss. Es gibt hier keine erzählerische Absicht. Man kann hier von einem reinen Bilderleben sprechen.

Ähnlich verhält es sich bei den Werken von Bernd Kalusche. Diese haben zwar Titel, doch sind die Titel so weitläufig gefasst, dass man sich darunter nur im weitesten Sinne etwas vorstellen kann. „Drachentod“, „Grautod“ oder „Rotblockade“. Die Suche nach der Bedeutung solcher Bezeichnungen erweist sich hier als Zeitverschwendung, denn der Sinn liegt in der Darbietung, in den sich überlagernden Flächen, die unterschiedlich dicht sind und so Farbräume ergeben, die im Grunde genommen aus Flächen bestehen und Farbtöne, die in einem Zwischenbereich angesiedelt sind, weil sie den Schein der Umgebung in sich aufnehmen.

Andrea Flätgens Werke wirken gegenüber den bisher besprochenen Werken erzählerisch, denn aufgrund der Figuren und anthropomorphen Formen oder Landschaften kann man darin wirklich einen narrativen Gehalt vermuten, den es zu erschließen gilt. Der Betrachter sollte sich dabei allerdings auf eine surreale Erzählweise einstellen. Was Sie hier von Andrea Flätgen sehen, ist eine kleine Retrospektive. In zwei Wochen wird in einer Filiale der Galerie Böhner in der Schwetzingerstraße in Mannheim eine Einzelausstellung eröffnet und dort werden vorwiegend neuere Arbeiten von ihr zu sehen sein. Ihre Kunst war in den vergangenen Jahren starken Wandlungsprozessen unterworfen. Und man merkt diesen Arbeiten hier die Lust am Experiment an: Konkret die Wechselwirkung zwischen Rostpigmenten und Acrylfarbe, wobei sie schon recht früh zu dem für sie typischen Timbre gefunden hat, zu solch intensiven Grün- und Türkistönen, die Grundmelodie vieler ihrer Arbeiten.

In den meisten Bildern von Daniel Hellermann sind Figurenfragmente zu erkennen, die sich irgendwie in den Farbräumen zu verlieren scheinen. Versteckte Botschaften lassen sich erahnen, vielleicht hier in dem Symbol der Friedenstaube, die über einer undefinierbaren Landschaft schwebt. Ulrich Barth hingegen ist gestisch abstrakt und in seinen Werken, die durch die Farbgebung einen Hauch von August Macke ausstrahlen, wobei die Figuren allerdings vollkommen in Bewegungslinien aufgelöst sind.

Ganz rätselhaft sind die Arbeiten im oberen Stockwerk, die von Davorka Azinovic stammen. Sie sind sehr farbenfroh und wirken wie ethnische Kunst. Die flache Leinwand ist an manchen Stellen ausgeschnitten, was eine textile Anmutung verleiht. Die untergegangene Kultur der Inkas scheint hier eine Inspirationsquelle zu sein, nicht zuletzt in einem Bild, in dem sie einen sehr interessanten Vergleich zwischen dieser und der ägyptischen visualisiert, eine Arbeit die sehr viel Detailkenntnisse vermuten lässt.

Auffällig in dieser Ausstellung hier sind auch die Arbeiten von Sarah Weya. Bei ihr ist das grafische Element besonders ausgeprägt und ihre Art erinnert an Ornamente oder an textile Muster, und die Grundierung lässt an Palimpseste denken, also immer wieder übermalte Pergamente, hinter deren neueren Bemalungsschichten die früheren hervorschauen. Von der Wirkung her betrachtet, haben diese ornamenthaften Zeichnungen etwas Rührendes, Ausdrucksstarkes und Zerbrechliches zugleich.

Bei Oliver Kornblum, dessen Bilder Sie sowohl im Erdsgeschoss der Galerie als auch im ersten Stock entdecken können, geht es offenbar um Menschenmassen am Strand oder in der Bahn, die er malerisch bewältigt. Wobei das alten Problem auftaucht, der unterschiedlichen Präsenz im Bild: Manche Figur steht im Vordergrund, manche verschwimmt im Hintergrund silhouettenhaft oder verschmilzt mit dem Horizont vollkommen. Dies ist eine Aufgabe, die malerisch nicht leicht zu lösen ist und zu deren Bewältigung sich Kornblum ein paar witzige Lösungen hat einfallen lassen.

Das Schöne an diesem Ausstellungsaufbau hier ist die Hängung, die so gestaltet wurde, dass Sie von allen Künstlern hier im Entreebereich Schlüsselwerke sehen können. Beim weiteren Gang durch die Räume im ersten und zweiten Stockwerk der Sammlung & Galerie Böhner werden Sie weitere Werke entdecken, die Sie dann den einzelnen Künstlern problemlos zuordnen können.

Text: Dr. Helmut Orpel



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• 16. September 2017

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