SIGNAL-IDUNA 2016

GALERIE BÖHNER
GEMEINSCHAFTSAUSSTELLUNG

22 JAPANESE ARTISTS

08.04. – 10.09.2016

Willy-Brandt-Platz 5, 2. Etage
D-68161 Mannheim
Mobil:
+49 (0) 177 400 6 222
Öffnungszeiten:
Montag-Freitag: 9-17 Uhr sowie nach Vereinbarung

 

japan_einladung

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Laudatio öffnen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die japanische Kunst, das vergisst man hierzulande allzu gern, war eine wichtige Inspirationsquelle für die europäische Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vor allem der japanische Farbholzschnitt mit seiner besonderen Perspektive, seiner flächigen Anlage und den plakativen Farben erregte bei den französischen Impressionisten großes Interesse, aber nicht nur dort. Auch Gustav Klimt ließ sich von der exotischen Kunst aus Fernost sehr beeindrucken.

Aber diese Wechselwirkung zwischen der Kunst von zwei doch sehr unterschiedlichen Kulturkreisen aufeinander, funktionierte nicht nur in die eine Richtung. Im 20. Jahrhundert nahm der Kulturtransfer in die andere Richtung ebenfalls zu und die japanische Kunst öffnete sich zunehmend auch für den Westen. Dies fiel auch deswegen besonders leicht, weil die Künstler von dort in ihren europäischen Kollegen Gleichgesinnte erkennen konnten, hatte nicht van Gogh in Südfrankreich sein Japan gesehen. Insofern ist auch die Anziehungskraft zu verstehen, die gerade dieses Land und dieser Künstler auf die Menschen aus Fernost ausübte und immer noch ausübt. Von der Wertschätzung, die Vincent van Gogh von dieser Zeit an anhaltend bis heute genießt, hätte er sicher zu seinen Lebzeiten noch nicht einmal zu träumen gewagt.

Es ist ein besonderes Verdienst der Galerie Böhner, hier in der Ausstellung 22 zeitgenössische Positionen der japanischen Kunst der Gegenwart zusammengetragen zu haben. Diese japanischen Künstler gehören unterschiedlichen Generation an. Es sind die Werke von über Siebzigjährigen darunter und auch Arbeiten, die von Künstlerinnen und Künstlern jüngerer Generationen stammen. Allen Ausstellenden ist gemeinsam, dass sie eine solide handwerkliche, manche sogar eine akademische Ausbildung vorweisen können. Sie stammen aus unterschiedlichen Provinzen Japans und haben meistens sowohl in ihrem Heimatland, als auch international ausgestellt. Natürlich ist der erste Eindruck der der Unüberschaubarkeit. Schon allein die Namen sind uns ungewohnt und behindern zunächst die Identifikation der einzelnen Künstlerinnen und Künstler. Um es vielleicht etwas zu erleichtern, habe ich versucht, bei meiner ersten Betrachtung unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen und erst einmal nach Kriterien gesucht, die unter verschiedenen Werken Verbindungen herstellen können und stieß dabei auf die drei Begriffe Tradition, Impression, Innovation, anhand derer sich vielleicht unterschiedliche Aspekte festmachen lassen.

Dass japanische Künstlerinnen und Künstler in den Ausstellungen von Böhner zu sehen sind, ist nicht neu. Bereits in den zurückliegenden gab es den einen oder anderen japanischen Künstler zu sehen. Neu ist die Gesamtschau, die die Galeristen heute hier liefern. Eine Kollektion in der wir unterschiedliche Positionen wahrnehmen können, von denen jede einzelne durchaus ihre Berechtigung hat. Allerdings sind die hier ausgestellten Werke, wie sie vielleicht nach und nach erkennen werden, nur einzelne Werkausschnitte der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler und unter den einzelnen Werkausschnitten selbst gibt es auch manchmal ganz verschiedene Ansätze, sodass die Auswahl der Werke eines Künstlers durchaus nicht immer von der gleichen Stilrichtung ist.

Lassen wir die einzelnen Positionen hier vor unseren geistigen Augen Revue passieren, so begegnen wir hier zunächst den Arbeiten von Hiroshi Yamazoe. Diese Arbeiten scheinen, im Gegensatz zu der eben gemachten Einschränkung, von einer Stilrichtung geprägt.

Er erinnert in vielem an die französischen Spätimpressionisten, die sich längst vor der konkreten Darstellungsabsicht entfernt hatten und die Landschaft in ihren Bildern nicht mehr dokumentarisch interpretierten, sondern poetisch. Konkret bedeutet dies, dass es ihm mehr um die Stimmung geht, dass er Farbe frei interpretiert und dass er ein Timbre entstehen lässt, dass von den ungewöhnlichen Farbkontrasten lebt, die dabei entstehen.

Von ganz anderer Art sind die Landschaften, denen Sie im weiteren Verlauf der Ausstellung begegnen werden. Hier möchte ich besonders auf die Arbeiten von Nabue Otogura verweisen, die an fauvistische, expressionistische Farborgien erinnern und an die flächigen, abstrakten Landschaften von Mitsuaki Miwa, die an Vexierbilder erinnern.

Traditionell japanisch muten die Arbeiten an, die Yuko Horie geschaffen hat. Sie arbeitet mit zwei sehr traditionellen Materialien, die japanischer nicht sein könnten. Das eine ist der Schellack. Die Europäer waren von jenen spiegelnden Oberflächen, die in Südostasien seit vielen Jahrhunderten hergestellt werden, fasziniert. Bis heute werden wertvolle Musikinstrumente und kostbare Möbelstücke mit dieser Lackschicht, die aus den Ausscheidungen der Schildblattläuse gewonnen wird, überzogen. Das andere Material ist das Kutani Porzellan, das nach einer japanischen Provinz benannt ist, die im 17. Jahrhundert führend bei der Porzellanherstellung war. Das Dekor von diesem Porzellan zeichnet sich durch seine besondere Leichtigkeit und seine geschmackvollen Farben aus.

Misao Fujii gehört auch zu denjenigen unter den hier ausgestellten Künstlern mit einem klaren Bezug zur japanischen Ikonographie. Sehr schöne Ghaisha Motive sind das hier, die in dekorativer Form gestaltet sind, auf Goldgrund gewissermaßen und auf diese Weise besonders hervorgehoben und als Kulturdenkmale einer längst untergegangenen Lebensart glorifiziert.

Jeglichen Bezug zu einem konkreten Kulturkreis negieren die Arbeiten von Kazumasa Hiwasa. Seine tendenziell monochromen Farbfelder überlagern sich. Sie wirken wie Übermalungen, bei denen die Spannung aus den Bearbeitungsspuren entsteht, die auf das Prozesshafte in der Malerei Hiwasas verweisen.

Etwas ähnlich arbeitet auch Yoshitomo Hirooka in einem Teil der Arbeiten, die sie weiter hinten in der Ausstellung sehen. Hierbei handelt es sich um geometrische konstruktive Arbeiten, deren Strukturen sich wie Radiowellen in das räumliche Umfeld hineinarbeiten.

Vor Rätseln anderer Art steht man bei den benachbarten Arbeiten von Yoshinori Nozaki. Er führt mit seinen Kompositionen, die dem Magischen Realismus zuordbar sind, in geheimnisvolle Welten, die an die Traumwelten erinnern, bei denen collagenhaft Dinge erscheinen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, aber dennoch durch die eigene Realität des Traumes – hier die des Bildes – untrennbar miteinander verbunden sind. Dieses Spiel mit den Dingen und deren Bedeutung beherrscht er meisterhaft und bringt es, auch in den kleinen Formaten – wirkungsvoll zur Geltung. Oft sind es einsame Kinder, die bei ihm die Rolle des Protagonisten einnehmen.

Seltsam verblassend wirken die Farben in den Arbeiten von Yoneichi Hosada. Wie im Nebel erscheinen manche seiner Bilder, in die man sich erst nach und nach einsehen muss, weil man die einzelnen Details, die für das Verständnis des Bildes wichtig sind, erst nach intensiverem Schauen sehen und zuordnen kann.

Wasserfarbenmalerei ist auch so eine Technik, die man bei den Japanern erwartet. Sicherlich auch von daher gesehen, weil wir den Menschen aus Fernost mehr Geduld und Konzentration zutrauen als uns gehetzten Europäern. Aber auch hier gibt es schöne Beispiele von einer doch sehr traditionellen Technik, die von unseren Vorstellungen abweichen. Dies sind die konstruktiv gestalteten Arbeiten von Syouji Urano. Hier ist die eingangs empfohlene Vorsicht angesagt, denn es gibt neben diesen konstruktiven Arbeiten durchaus auch eine ganze Menge andere, die nicht in diese Richtung einordbar sind.

Sehr traditionsorientiert arbeitet auch Taeko Tsunoda. Sie liebt die traditionellen Motive wie den wunderschönen Blütenstrauß. Auf der anderen Seite ist sie aber auch offen für Experimente wie eine Reihe von Arbeiten zeigen, die an anderer Stelle in der Ausstellung zu sehen sind. Aus dem Rahmen der hier gezeigten Werke fallen die Arbeiten von Moe Watanabe. Hierbei handelt es sich um Objektkästen. Puppen in Form solcher an „Baby“ angelehnten Formen sind hier die Objekte, die mit Schmetterlingsflügeln und glitzernden Flügen so eine Art mediale Märchenwelt verkörpern: Der schöne Schein, der allzu schnell verfliegt. Einer ähnlich kindlichen Welt scheinen die Werke von Nanayo Daimaru zu entstammen, der in sehr pastelligen Tönen malt und hier sehr unterschiedliche Werke präsentiert, die sich bisweilen schwer unter den Hut eines Künstlers bringen lassen. Neben den Kinderwelten gibt es hier offenbar Arbeiten, die sich mit traditionellen Festen und Spielen auseinandersetzen.

An diesem Punkt, meine Damen und Herren, ich glaube, das ist auch in ihrem Interesse, gestatten Sie mir, meinen Vortrag etwas zu straffen, denn sonst, so fürchte ist, strapazieren ich ihre Geduld doch allzu sehr.

Bis jetzt habe ich versucht, innerhalb der Kunst, die sie hier sehen, wenigsten einige Grundlinien offenzulegen. Diese reichen über die drei eingangs genannten Bereiche hinweg – Tradition, Impression und Innovation. Hierzu habe ich ihnen eine Auswahl von Künstlern genannt. Die nun folgenden, die ich summarisch anfügen möchte, gehören mehr oder weniger in eine der drei genannten Hauptlinien, in welche, da sind sie eingeladen, dies selbst zu entdecken. Hier einige Stichpunkte:

Ranko Kizaki lässt das Material sprechen und arbeitet mit besonderen Pigmenten auf einem Linnenpapier. Atsuko Tatsuno: Diese Arbeiten waren hier schon häufiger zu sehen, steht stark in der Tradition des magischen Realismus. In einer gewissen Weise gibt es hier auch Berührungspunkte zu Yoko Kosaka, Taisei Okamura und Isako Kamimura, wohingegen die Arbeiten von Yoko Tada, Yuko Akiya und Kou Tanahashi wieder ganz auf die Material beziehungsweise Produktionsästhetik abheben.

Aoko Mitani hingegen bewahrt den Blick für das Detail und baut seine Bilder wie kleine Herbarien auf, die die Schönheit der verborgenen Strukturen von Pflanzen konzentriert vors Augen des Betrachters rücken.

Schließlich noch, als Ausnahme die Bildhauerin Yuko Akiya, die mit Abfallmaterial aus der Industrieproduktion arbeitet, dem sie in ihren Skulpturen eine bizarre Schönheit abgewinnt. Sie stellt sich damit in die Tradition der Surrealisten, die ebenfalls mit Fundmaterial arbeiteten und so dem Zufall in ihren Werken Raum boten.

Text: Dr. Helmut Orpel


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Yoneichi Hosoda

Ranko Kizaki

Atsuko Tatsuno



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• 13. Februar 2016

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