SIGNAL-IDUNA 2016/2017

GALERIE BÖHNER
GEMEINSCHAFTSAUSSTELLUNG

10.09.2016 – 10.02.2017

Willy-Brandt-Platz 5, 2. Etage
D-68161 Mannheim
Mobil:
+49 (0) 177 400 6 222
Öffnungszeiten:
Montag-Freitag: 9-17 Uhr sowie nach Vereinbarung

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Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Fotografie ist ein Bereich, der bei den Ausstellungen der Galerie Böhner meistens gut vertreten ist. Heute sehen wir aus dieser Kunstgattung die spannenden Arbeiten von Günter Zerweck. Dabei nutzt der Fotograf die vielfältigen Möglichkeiten seiner Kamera im Bereich Überbelichtung. Ganz im hellen Nebel verschwindende Landschaften sind dies. Geheimnisvoll und surreal erscheinen sie. Verfremdung ist hier ein Stichwort. Sowohl bei den Überbelichtungen als auch bei den Spiegelungen kann man diesen Begriff benutzen, denn bei beidem erscheint der fotografierte Realitätsausschnitt nur der Ausgangspunkt der künstlerischen Erschließung.

Die Spiegelungen in seinen Werken schaffen unterschiedliche Realitätsebenen. Ab und zu tauchen in Zerwecks Fotografien auch Menschen auf. Silhouettenhaft erscheinen sie in den geheimnisvollen Labyrinthen und führen ganz bewusst den Blick an die Grenze des Sichtbaren. Andere Arbeiten sind ganz auf monochrome Flächen und geometrische Grundlinien reduziert.

Ein ganz anderes Feld der Kunst betreten wir, wenn wir uns die Arbeiten von Anne-Marie Marin anschauen. Bei den Arbeiten von ihr geht es unter anderem auch um Materialität, um Haptik. Sie greift dabei – ob bewusst oder unbewusst – auf die Ecole de Paris zurück, die mit ihren materialreichen, reliefartigen Bildern die Kunst der unmittelbaren Nachkriegszeit revolutionierte. In dieser Tradition stehend erzeugt sie rostartige, samtbraune Oberflächen. Dahinter steckt mehr als ein bloßes Spiel mit Farben und Formen. Jedes Bild hat hier sein Geheimnis, das es zu entdecken gilt. Diese Geheimnisse bestehen bisweilen auch in kunstgeschichtlichen Zitaten, die weit zurückreichen, wie es in ihrem Zyklus: „Les Très riches Heures“ der Fall ist.

Bei diesen Arbeiten geht es sowohl formal als auch farblich um die Stundenbücher des Duc du Berry, die als lebendiges Zeugnis der burgundischen Hofschule um 1400 herum entstanden sind. Die reizvollen, in lapislazuliblau gehaltenen Miniaturen mit Szenen aus dem Landleben im „Herbst des Mittelalters“ sind in den sehr ansprechenden kleinformatigen, abstrakten Arbeiten Anne-Marie Marins zu erahnen.

Überall hier in der Galerie treffen Sie auf die stark gestisch wirkenden Arbeiten von Marlis G Schill, die im April dieses Jahres in der Galerie Böhner in der Schwetzinger Straße eine Einzelausstellung hatte, bei der man einen tieferen Einblick in das Werk der Künstlerin gewinnen konnte als das hier in der Gruppenausstellung möglich ist.

Hier nur so viel: Bei Marlis G Schill stehen Malerei und Druckgraphik gleichberechtigt nebeneinander. Mit Vorliebe schafft sie Holzschnitte, die vom Ausdruck her dem abstrakten Expressionismus nahestehen. Kennzeichnend ist, dass ihren Bildern dialogische Prozesse zu Grunde liegen, in denen sich die Künstlerin mit dem Werden des Bildes auseinandersetzt. Sie reagiert gewissermaßen auf das, was in dem dynamischen Prozess des Males oder Druckens entsteht und lässt sich bei ihrer weiteren Bildgestaltung davon leiten. Sie unterwirft sie dem Zufall bei der Übertragung von subjektiver Energie via Material in eine geistige Sphäre, die ein Bild letztendlich ausmacht.

Astrid Echles Arbeiten wirken atmosphärisch, ein Eindruck, der sich durch die Bildtitel, wie beispielsweise „stürmisch“ verstärkt. Auch bei ihren Arbeiten haben wir es mit Wechselspielen zu tun, mit Übermalungen und Überzeichnungen, die gelegentlich auch in einen temperamentvollen Schriftduktus übergehen. Die Entschlüsselung der Botschaften bleibt allerdings der Phantasie des Betrachters überlassen.

Die Bilder von Dorothee Vermaaten wirken wie zufällige Erscheinungen, die durch vielfältige Bearbeitung der Oberfläche entstanden sind. Dieses scheinbar planlose Herangehen an den Malprozess ist eine überaus epochale Errungenschaft der Moderne. Der Künstler gibt dem Prozesshaften in der Malerei und somit dem Unbewussten immer mehr Spielraum. Der Betrachter ist hier gefordert, denn er muss das Werk als einen autonomen Kosmos begreifen.

Über die Vielfältigkeit des Gesamtwerks bei asiatischen Künstlern haben wir bei verschiedenen Ausstellungen ja bereits gesprochen. Anders als bei uns scheint es den Künstlern dort nicht um die berühmte Wiedererkennbarkeit und die Zuordnung ihrer Werke zu gehen. Sie arbeiten durchaus parallel an verschiedenen Werkkomplexen, so auch Young-Ae Yi aus Südkorea, von der Sie hier Arbeiten sehen. Es ist ungewöhnlich, dass sich asiatische Künstler, noch dazu Künstlerinnen, auf eine solch expressionistische Art mit dem Thema Akt beschäftigen. Mit flüchtigen, dynamisch wirkenden Pinselstrichen kreiert sie ihre Figuren aus dem Handgelenk heraus. In einer anderen Serie, den Kois, irritiert sie den Betrachterblick, indem sie mit den Perspektiven spielt.

Der Malerei der Neuen Sachlichkeit amerikanischer Prägung fühlt sich Jürgen Schütt verpflichtet. Edward Hopper dürfte auch bei ihm ein großes Vorbild gewesen sein, wie an den Anschnitten und der Lichtführung nicht zu übersehen ist. Es geht ihm dabei sowohl um die spannende Wechselbeziehung von Licht und Schatten als auch um das Gefühl der Einsamkeit.

Frédéric Chassériaud sucht offenbar nach Figurationen, die abstrakte Begriffe bildlich ausdrücken können, ohne dabei die allegorische Form anzunehmen, wie es im Barock und in der Renaissance der Fall gewesen ist. Für „La Pensée“ der Gedanke, oder „Espoir“, die Hoffnung, hätte damals sicher ein nackter Jüngling oder eine mit einem Anker bestückte Jungfrau herhalten müssen. Solche Formen lenken von dem eigentlich Wesentlichen der Allegorie ab.

Bei unserer Suche nach kunsthistorischen Anspielungen, wie wir sie in dieser Ausstellung hier in mannigfacher Form finden, stoßen wir bei den Bildern von Olena Bratiychuk Linse auf die Op Art, die in den frühen Sechzigern eine weltweit verbreitete Strömung war, aber heute in dieser Form nur noch selten zu finden ist. Unterschiedlich strukturierte Flächen suggerieren verschiedene Abstände.

Starke Berührungspunkte zu Marc Chagall gibt es im Werk von Irina Hinkel, das ähnliche märchenhafte Züge wie die des Altmeisters aufweist. Sie orientiert sich ebenfalls am osteuropäischen Volksleben mit seinem Reichtum an Brauchtum und religiösen Ritualen, die sich wunderbar farbenreich in Bildern ausdrücken lassen. Dies alles scheint in den Hochzeiten zu kulminieren, die nicht nur zum Lebenshöhepunkt der Braut, sondern auch zu denen des ganzen Dorfes werden.

Andrea Dürrs farbteppichartige Gemälde haben eine starke Ausstrahlung in den Raum hinein und wirken wie weiche Kissen, in die man sich betten kann. Diese Weichheit erreicht sie durch lasurartige Übermalungen, die ineinandergreifen und so eine Art optischen Schwebezustand erzeugen. Sie schließt dabei auch eingebrachte Papiere ein, die den transparenten, tiefschichtigen Charakter weiter verstärken.

Abgerundet wird die Ausstellung durch Skulpturen der japanischen Bildhauerin Yuko Akiya, die demnächst auch mit einer Einzelausstellung in den Räumlichkeiten der Galerie Böhner in der Schwetzinger Strasse geehrt wird.

Text: Dr. Helmut Orpel


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• 2. September 2016

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